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Anlässlich des europäischen Tages der Logopädie am 6.März 2013 war ich bei einer Veranstaltung in der Charité, die vom Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr eröffnet wurde, als Gastrednerin zum Thema "Spracherwerb" geladen. Den Vortrag können Sie hier nachlesen:
 

 

 
 
 

 

 

Zum Schuleintritt mit ca. 6 Jahren, wenn Kinder die Kulturtechniken Lesen und Schreiben erlernen sollen, haben sie in der Regel einen aktiven Wortschatz von 6000 Wörtern.

 

 

 

 

6000 Wörter, die sie korrekt aussprechen können (z.B. „Streichhölzer“, „Getränke“), die sie zu komplexen Sätzen zusammensetzen (z.B. „ Mama, wenn ich du wäre und ich hätte es dir nicht erlaubt, dann hättest du mich doch auch überredet, oder?“), und die sie in Einzellaute zerlegen können (z.B. a-i-n  b-a-o-m).

 

 
 
 

Kinder dieses Alters verstehen sogar weit mehr Wörter als sie aktiv benutzen, nämlich bis zu 14.000 Wörtern. 14.000 Wörter, die sie in all ihren Beugungsformen erkennen (z.B. gegossen). Wörter, die sie auch dann unterscheiden können, wenn sie sich nur durch einen Laut unterscheiden (z.B. Die Kinder haben lange gelernt  vs.  Die Kinder haben lange gelärmt), deren unterschiedliche Bedeutung, die Kinder bei gleich lautender Oberfläche anhand der Begleitwörter erschließen können (z.B. der Junge  vs.  Das Junge (das Jungtier)).

 

 

Jetzt - im  Besitz all dieser Kompetenzen - sind sie bereit, den Lauten Buchstaben zuzuordnen und somit die Welt des Lesens und Schreibens zu erobern.

 

 

Schauen wir uns doch einmal genauer an, wie das Kind dorthin gelangt ist; ich habe versucht diesen Entwicklungsweg für Sie in knapper Form zu skizzieren:

 

 

 

 

Wir wissen schon lange, dass der Fetus bereits im Mutterleib hören kann. Schon in der 22. Schwangerschaftswoche sind Reaktionen auf akustische Reize nachweisbar.

 

 

Ist der Säugling auf der Welt, beobachten die Eltern mit 4-6 Monaten, dass ihr Kind seinen Kopf in Richtung einer Geräuschquelle dreht.

 

 

Was die Eltern im Alltag aber nicht so offensichtlich beobachten können, jedoch in verschiedenen jüngeren Studien nachgewiesen wurde, ist, dass der  6 Monate alte Säugling das Gehörte schon soweit verarbeiten kann, dass er seiner Muttersprache lieber zuhört als anderen. Er erkennt seine Muttersprache anhand ihrer spezifischen Betonungsmuster.

 

 

Diese Betonungsmuster spiegeln sich ab dem 7. Lebensmonat auch in den Lautäußerungen des Säuglings, dem Lallen wieder. Das Lallen stellt dann auch den ersten beobachtbaren Meilenstein der Sprachentwicklung dar. Das Baby lallt in Silbenketten, es kommen jetzt nur noch Laute der Muttersprache vor und die Betonung ähnelt sehr häufig den Wortbetonungen der Muttersprache (z.B. gaga, nane).

 

 

Der nächste Meilenstein in der Sprachentwicklung ist der trianguläre Blickkontakt. Dabei verbindet das Baby sich, sein Gegenüber und einen Gegenstand mittels seiner Blickrichtung. Der trianguläre Blickkontakt ist Voraussetzung für die Verknüpfung von Wörtern mit den zu bezeichnenden Gegenständen und ist mit ca. 9 Monaten zu beobachten.

 

 

Um den ersten Geburtstag herum spricht das Kleinkind sein erstes bedeutungsvolles Wort. In diesem Meilenstein spiegelt sich die mit dem triangulären Blickkontakt erworbene Verknüpfung zwischen Wort und Gegenstand wider.

 

 

Etwa zeitgleich mit dem ersten Wort lernt das Kind gehen. Es beginnt Sätze in vertrauten Alltagssituationen zu verstehen, aber auch schon einzelne Gegenstände aus verschiedenen Dingen heraussuchen, also einzelne Wörter ohne erklärenden Umgebungskontext zu verstehen. Es zeigt auf Dinge, deren Namen es hören möchte, und es will die Namen der Dinge wieder und wieder hören, es erobert Schritt für Schritt und Wort für Wort seine Umwelt.

 

 

Zwischen 1 ½ und 2 Jahren hat das Kind dann einen Wortschatz von 50 Wörtern erworben. Dieser 50-Wörter-Schatz stellt den nächsten Meilenstein der Sprachentwicklung dar. Er ist die Voraussetzung für die Kombination von Wörtern und ermöglicht somit den Einstieg in die Entwicklung von Sätzen. Hat das Kind 50 Wörter gelernt, beginnt es erste Zweiwortäußerungen zu tätigen (z.B. mehr tinte (bedeutet „trinken“), ball weg) und der Wortschatz fängt an, rasant zu wachsen. Während des sogenannten Wortschatzspurtes lernt das Kind durchschnittlich täglich 9 neue Wörter. Staunend stehen wir Erwachsenen daneben und beobachten dieses Phänomen, was allerdings auch notwendig ist, wenn wir bedenken, dass es bis zur Einschulung die eingangs erwähnten 6000 Wörter zu erwerben gilt. Das Phänomen, welches das schnelle Wortlernen ermöglicht, lässt das Kind bereits ein einmal gehörtes Wort mit einer Vermutung, was dieses Wort bedeuten könnte, in seinem Gedächtnis speichern.

 

 

Nun lernt das Kind auch besonders viele Tätigkeitswörter, die der Motor zur Entwicklung des Satzbaus sind.

 

 

Zwischen 2 und 3 Jahren verknüpft das Kind Wörter zu Sätzen statt sie nur aneinander zu reihen und beginnt somit grammatische Prinzipien anzuwenden, auch wenn das zunächst für unsere Ohren noch falsch klingt. Diese scheinbar falschen Zwischenschritte folgen durchaus Prinzipien. So stellt das Kind zunächst das Tätigkeitswort immer ans Äußerungsende (z.B. Maus auch pielen, Papa ganz viel eesst). Außerdem beginnt es von sich selber als „ich“ zu sprechen.

 

 

Ebenfalls zwischen 2 und 3 werden auch die etwas schwierigeren Laute Schritt für Schritt erobert. Jetzt beherrscht das Kind seine Zunge so gut, dass es die Laute lernt, die im hinteren Bereich des Mundes  gebildet werden nämlich k, g, ch und r.

 

 

Um den dritten Geburtstag herum kann das Kind dann einfache Hauptsätze bilden, bei denen das Tätigkeitswort an der zweiten Stelle steht (z.B. „Ich spiele auch mit.“ „ Jetzt fährt das Auto schnell.“). Und es kann Verben auch in der 2.Person beugen (z.B. „Du machst die Räder.“  „Spielst du mit mir?“)

 

 

In den letzten anderthalb Jahren hat sich das Sprachverstehen des Kindes mehr und mehr von der Situation, in der gesprochen wird,  abgekoppelt; jetzt mit 3 Jahren können Äußerungen rein sprachlich entschlüsselt werden, erklärende Hinweise aus der umgebenden Situation sind zum Verstehen nicht mehr nötig.

 

 

Mit dieser Fähigkeit ist das Kind auch in der Lage ein kleines Gespräch über etwas, was schon vorbei oder nicht sichtbar ist, zu führen.

 

 

Im folgenden Lebenshalbjahr, etwa zeitgleich mit der Frage nach dem „Warum“  beginnt das Kind, Nebensätze zu bilden (z.B. „wenn ich fertig bin“, „weil ich das mag“). Nun lernt es auch schwierige Lautkombinationen wie bl, fr, kn, kl, tr richtig auszusprechen.

 

 

Wenn diese Entwicklungsschritte erfolgt sind, mit ca.3 ½  bis 4 Jahren, ist der Spracherwerb in seinen Grundzügen abgeschlossen.

 

 

Ausdifferenzierungen erfolgen aber noch über mehrere Jahre.

 

 

So erlernen viele Kinder erst mit 5 Jahren die Zischlaute s,z,ts,x korrekt auszusprechen. Außerdem verfeinert sich die Fähigkeit, Wörter lautlich zu zerlegen.

 

 

Der Dativ wird von vielen Kindern sogar erst im späten Grundschulalter richtig angewendet.

 

 

Und unser Wortschatz wächst ein ganzes Leben lang weiter.

 

 

 

 

Einige Kinder haben auf dem eben skizzierten Weg Probleme, und mir begegnet oft die Frage, ab welchem Alter es sinnvoll ist, diese Kinder durch eine logopädische Therapie zu unterstützen. Wenn ich jetzt noch mal auf die eingangs dargestellten Kompetenzen, die basal für den Schriftspracherwerb sind, verweise, dann kann die Antwort nur lauten: „so früh wie möglich“. Und wenn wir den roten Faden des Wortschatzerwerbes betrachten, so ist der Meilenstein „50 Wörter“ von großer Bedeutung, weil es mittlerweile möglich ist, bei einem Kind, das mit 24 Monaten noch keine 50 Wörter spricht, mit großer Wahrscheinlichkeit  zu differenzieren, ob es sich um einen Spätzünder handelt oder um ein Kind, dass eine Sprachentwicklungsstörung auszuprägen beginnt. Sollte das Kind sich als Risikokind für eine Sprachentwicklungsstörung erweisen, so stehen uns heutzutage Therapiemethoden zur Verfügung, mit denen auch schon 2jährige kindgerecht behandelt werden können.

 

 

Je früher ein sprachentwicklungsgestörtes Kind behandelt wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich parallel zu den sprachlichen Fortschritten auch die präliteralen Kompetenzen gut entwickeln  können, also die Fähigkeiten, die die Voraussetzungen zum Schriftspracherwerb bilden.

 

 
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!